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„Im Hause Gottes“von Ms. Paula Marvelly Pollen der Casablanca-Lilie, die ich als Gabe für den Guru bereithalte, haben meine Jacke und meine Wange bestäubt. Ich erinnere mich, wie ich meine Schuhe auszog,
bevor ich eintrat. Wie so viele Wohnungen der indischen Bevölkerungsgruppe in Nord-West London, ist Kalpna Dave’s halb abgetrennte, einfache Unterkunft außerhalb jeder Beschreibung und doch enthüllt sie sich als ein
Tempel zum Lobe Gottes.Indische Gewürze und Weihrauch durchziehen den Raum, der mit vedischen Denkwürdigkeiten geschmückt ist. Im Vorraum dominiert ein majestätischer Schrein von Sri Sathya Sai Baba die
halbe Wand, Fotographien und Malereien von Sri Shirdi Sai Baba und seiner Reinkarnation, Sri Sathya Sai Baba, sind bestäubt mit Vibuti. Mala-Perlenketten hängen über Portraits von Krishna und Radha, Shiva und Parvati,
Hanuman und Ganesh und auf dem Altar befindet sich ein mit Reiskörnern geschriebenes OM-Zeichen. Ich bin teilweise überrascht, dass ich hier bin um mit
Vijai zu sprechen. Es erscheint als Ironie, dass er der erste nicht westliche Lehrer sein soll, mit dem ich sprechen werde: die Advaita-Lehre war für mich bisher eher ein
Randgebiet der indischen Sagenwelt. Ich bin gespannt, ob seine Interpretationen sich irgendwie unterscheiden werden. Vielleicht wird er mir die Geschichten von Krishna und Rama erzählen, etwas über die Bedeutung der
indischen Rituale und die magischen Kräfte des Ganges.Vijai’s rundes und pausbackiges Gesicht – seine linke Augenbraue strebt zum Himmel auf – begrüßt mich mit liebevollem Respekt. Er trägt den traditionellen
Kurthapyjama , der im eine exotische und würdevolle Erscheinung verleiht. Er führt mich zum Esszimmer auf der Rückseite des Hauses, ein sehr einfacher, bescheidener Raum im Vergleich zum kaleidoskopartigen Vorraum.
Kalpna, seine ihm auf dem geistigen Weg folgende Assistentin erscheint aus der angrenzenden Küche: eine lebendige Verkörperung einer indischen Göttin, deren seidener, grüner Sari prunkvoll über dem Boden schleift, als
sie eintritt. Wir begrüßen uns gegenseitig mit einem Namaste; sie lächelt bescheiden, ihren Blick in einer Art gottesfürchtigen, demütigen Haltung abwendend. In den späten Vierzigern in Bangalore / Südindien geboren,
war Vijai inspiriert von den Schriften Sri Ramana Maharshi und Nisargadatta Maharaj. Genötigt, den letzten Sinn der Existenz zu ergründen, verschrieb er sich der Suche, die ihn im Alter von 16 Jahren zu einer
Zusammenkunft mit Sri Sathya Sai Baba und zu einem ersten flüchtigen Blick in sein wahres „Selbst“ führte. In den frühen Siebzigern wurde er in Madras von Sri Shiva Ramakrishna in Tapas eingeführt. Vijai ist
ausgebildeter Mediziner, zuerst in Indien dann in Afrika beruflich tätig, spezialisierte er sich auf Kardiologie und Nierenleiden. 1986 kam er nach London, wo er den Ph.D. der University of London erzielte. Dies führte
ihn zu Lehrtätigkeiten an der medizinischen Fakultät als forschender Wissenschaftler in zellulärer und molekularer Biologie. Es geschah etwa zu dieser Zeit, dass sein Ego komplett erschüttert wurde – der Gefallen an
weltlichen Dingen ging ihm verloren; aber das genaue Ereignis möchte er nicht preisgeben. 1997 zog Vijai in die U.S.A und lebte dort in einem Garagen-Appartement in Galveston. Er zieht derzeit um in sein neues
Zuhause, das in Alvin /Texas entsteht: das Kaivalya Shivalaya Ashram (Wohnort des Absoluten). Wie viele seiner Advaita-Kollegen hat Vijai eine eigene Web-Site mit Terminkalendern von Events, der Lage des Ashrams,
Artikeln und Kommentaren (Anmerkung: auch diese Übersetzung stammt von einem englischen Aufsatz dort) seiner devotees (Nachfolger). Dort findet sich auch eine Erinnerung an das, was ich bin: „Ein Tropfen Wasser,
der als Regen einen See bildet, löst sich auf im Meer. Er verliert nicht sein Tropfen-Sein, aber er gewinnt den ganzen Ozean. So ist es auch mit dem „persönlichen“ Ich. Wenn es sich auflöst im Herz des Gewahrseins,
erfährt es das gesamte Universum.“ Es ist schwer zu verstehen, dass ich in London verweile, während ich zuhöre, wie Vijai und Kalpna in Gujrati miteinander schwatzen. Kalpna lächelt mich an und sagt,
dass Vijai sich an mich erinnert von einem Satsang (Zusammensein in Wahrheit) vor einigen Monaten in Kensington her. Wie in der Tradition von Darshan stellte sich jeder Teilnehmer am Ende in einer Reihe auf, um vom
Lehrer Prasad zu erhalten. Umgekehrt kniet jeder Teilnehmer vor Vijai, sich demütig vor ihm verbeugend, während er an alle weiße und rote Trauben in die ausgestreckten Hände verteilt. Als ich an die Reihe kam,
folgte ich diesem Zeremoniell. „Möge Gott dich segnen, mein Kind!“, sagte Vijai mit verströmender Liebe in seinen Augen „und möge Gott dich auch segnen!“ erwiderte ich spontan. Bei diesen Worten schaute Vijai mit einem
Gelächter zur Decke hinauf : „Das ist so süß!“ gluckste er, als ich gerade erkannte, dass dies wohlmöglich nicht gerade die richtigen Worte waren, die ich gebrauchte. Als ich das Bandaufnahmegerät startete
wartete Vijai sanftmütig wie ein kleiner Junge, seine Finger verschränkt und nonchalant auf dem Tisch vor ihm ruhend. Als ich meine erste Frage stelle, öffnet er seine Augen und lässt sie tief in meinen ruhen. Plötzlich
verzieht sich sein Gesicht, er öffnet seine Hände und beginnt mit den Fingern in der Luft rumzustochern , wobei er mit seinem Kopf in der vertrauten Art der Inder hin und her wackelt. Seine Stimme hat Gesangsqualitäten,
sie hebt sich und senkt sich, wird lauter und leiser, je nach den Erfordernissen seiner Intuition. Am Ende einer jeden philosophischen Zusammenfassung schnallst er mit der Zunge gegen den oberen Gaumen und erzeugt einen
Pop-Laut, als ob er damit das Gesagte unterstreichen und bestätigen möchte. Vijai liebt es provoziert zu werden: je mehr du ihn herausforderst, desto lebhafter wird er, seine Arme gestikulieren weiträumiger, wie bei
einem Dirigenten in einem Orchester. Während der ganzen Unterhaltung hänselt er mich und übt sanften Druck auf mich aus, seinen Gedankenpfaden zu folgen. Man bekommt den Eindruck, dass einzig Gespräche über Gott (die
Existenz) es ihm wert genug sind, überhaupt den Mund zu öffnen – sein „persönliches“ Leben erscheint als irritierende Ablenkung, die er mit einem Handstreich hinwegfegt. Vijais’s Humor hält unsere intensiven
theoretischen Ausführungen im Fluß. Meine übliche Reaktion in solchen tiefschürfenden Momenten ist die, vor Experimenten dieser tragischen Art unterzutauchen. Jedoch gab mir mein Wochenende mit Arjuna das Gefühl, den
letzten Tropfen an Tränen ausgedrückt zu haben und ich fühle, dass ich an einem entscheidenden Wendepunkt angelangt bin – Nun, soweit bis hierher. Insgesamt fühle ich mich positiv inspiriert, geradezu gesegnet am Ende
unserer gemeinsamen Zeit. Ich bin tief berührt von Vijai’s väterlicher Zärtlichkeit. Ich fühle, dass egal wo ein Problem auftaucht, alles sich in Ordnung entwickelt. Kalpna macht das Essen. Sie wartet am Tisch auf uns
nach indischer Sitte Teller für Teller indischer Köstlichkeiten aufdeckend. „Willst du mit uns essen?“, frage ich sie. „Nein, nein!“, antwortet sie bestimmt, „es ist eine Ehre für mich, dich zu bedienen. In Indien wird
ein Gast als eine Verkörperung Gottes betrachtet. Ich bin wirklich geehrt, dass er in mein Haus kommt und mich mit seiner Gegenwart segnet.“ |