Musik als “überflüssige” Tätigkeit spielt seit Beginn der Menscheit eine tragende Rolle. Funde von z.B. primitiven Flöten aus Schwanenknochen von vor über 45.000 Jahren
bestätigen dies. Warum aber beschäftigen sich Menschen seit ihrer Frühgeschichte mit Musik - oder ganz allgemein ausgedrückt: mit Kunst?Eigentlich musste der Frühmensch nur um sein Überleben im Alltag kämpfen:
Nahrungssuche, Behausung, Fortpflanzung, Verteidigung. Seine ganze Aufmerksamkeit galt ausschließlich dem Überlebenskampf - sollte man meinen. Seine primitiven Instinkte kannten oberflächlich betrachtet nur 3
unbewusste Fragestellungen, um auf eine Begegnung zu reagieren (häufig als Bedrohung interpretiert): Kann ich es essen, kann es mich essen oder kann ich mich mit ihm/es paaren? Hieraus erwuchsen die Grundstrategien des
Handelns: Unterwerfung, Dominierung und Kooperation. Mit einem Wort: Ziel war die Befriedigung der vitalen Bedürfnisse. Heutige psychologische Theorien behaupten nach wie vor, dass ohne diese begriedigten, vitalen
Grundbedürfnisse, “höhere” Bedürfnisse erst gar nicht in Erscheinung treten können.
Doch warum die Felsenmalerei und die Funde archaischer Musikinstrumente und die Darstellung ihres Gebrauchs? Eine allzu schnelle
Antwort ist die mythische Interpretation, dass diese kulturellen Handlungen die Götter beschwichtigen sollten, als welche die oft als willkürlich empfundenen Naturphänomene interpretiert wurden, die das persönliche
Wohlsein von Zeit zu Zeit beeinträchtigten. Um Götter beschwichtigen zu wollen muss ich zunächst an welche glauben und mein Glauben muss ein ausreichendes Mass an Furcht vor ihnen und ein Gefühl von
Ausgeliefertsein und Machtlosigkeit verinnerlicht haben. Dieser Aspekt kulturellen Handelns hat sich in der weiteren Menschheitsgeschichte später sicher manifestiert und auch in einigen Hochkulturen zu abstrusen,
menschenverachtenden Praktiken geführt (Opferrituale etc.). Die Abkehr vom Menschenopfer wenn auch (noch) zum Tieropfer - wie z.B. in der Bibel bei der dann doch unterbliebenen Opferung des Isaack dargestellt -
beschreibt eine evolutionär notwendige Umkehr in die richtige Richtung. Es ist ein erstes Zeichen der Rückerinnerung, dass die alle Existenz tragende Macht (Erste Ursache) nicht als zornig, rachsüchtig, blutdürstig usw.
vorgestellt werden muss. Freilich besteht hier noch das mental ungelöste Paradox, nämlich die Bereitschaft, das persönlich Liebgewonnene einer größeren Sehnsucht opfern zu müssen. Fragt sich eigentlich nur, aus
welchem Motiv heraus. Man kann aus einer Handlung nicht unbedingt auf die hinter ihr liegenden Motive rückschließen.
Nein, das musikalische Bestreben z.B. der Neandertaler muss bereits ein Zeichen einer neuen
Qualität des Menschseins an sich innerhalb der Evolution gewesen sein. Es war ein Mittel der nun möglich gewordenen Selbstreflektion und einer grundsätzlichen Freude am Da-Sein, die sich im kreativen Schaffen Ausdruck
verschaffte.
Machen wir einen Sprung in die Gegenwart: kein Ort, an dem man heute nicht mit Musik in Berührung kommt. Manch einer spricht bereits von Lärm-Smog. Stellen wir uns einen Moment vor, es gäbe keine Musik
oder sie stünde im grassen Gegensatz zu einer aktuellen Lebenssituation. Zum Beispiel: die Tagesschau berichtet von den schwer verletzten Opfern eines Erdbebens und das ganze wird mit der Musik einer Schlagermelodie
hinterlegt, die von der Liebe kündet. Oder Sie sehen im Fernsehen einen Thriller, der bei entscheidenden Spannungsszenen mit der Musik einer Dixi-Band hinerlegt ist. Wir erkennen dann rasch, das Musik entscheidend zum
emotionalen Kontext einer Situation beiträgt. Musik führt in emotionale Zustände und drückt diese aus. Sie begleitet Menschen in ihren emotionalen Verstrickungen (hypnotische Tracen), hilft, diese an die
Oberfläche zu bringen, und kann diese so zur Auflösung vorbereiten. Sie kann allerdings auch den Boden für hypnotische Trancen bereiten, die weniger evolutionären Zielen dienen.
Die
unterschiedlichen Elemente der Musik
(Rhythmus, Melodie, Harmonie, Dynamik etc,) übernehmen hierbei unterschiedliche Funktionen. Man kann hier an die Verwendung von rhythmisch betonter Musik in allen Kulturen bei Ritualen jeglicher Art bis hin zur Verwendung von Marschmusik bei Feldzügen erinnern. Rhythmus schafft z.B. die Gewissheit der Wiederkehr, der Kontinuität und ist ggf. Ausdruck von Machtfülle, wohingegen das völlige Fehlen von Rhythmus und der Verzicht von emotional anregenden Melodieführungen, wie z.B. in der buddhistischen Honkyoku-Musik, auf den Kontrast und das Wechselspiel von Leere und Fülle hinweist.
Musik ist interkulturell. Sie ist also geeignet, festgefahrene Überzeugungen unterschiedlicher Gruppierungen innerhalb der Menschheit grenzüberschreitend aufzulösen. Man denke z.B. an die Beliebtheit
amerikanischer Jazz-Musik während des dritten Reiches. Es gibt dabei keine Begegnungshürden wie z.B. die unterschiedlichen Sprachsysteme zu überwinden. Sie ist identitätsstiftend (vgl. Natinalitätshymnen etc.) und
dennoch gleichzeitig toleranzfördernd. Das Anderssein des Gegenübers wird mehr als Bereicherung empfunden und nicht als Bedrohung. Sie kann aber auch als Flucht- und Rückzugspunkt oder frontenschaffends Medium
eingesetzt werden. Verschiedene Musikstile sind als Protest und in Abgrenzung zu etablierten Gesellschaftsgruppen entstanden.
Musik ist überpersönlich. Sie kann aus dem engen Gefängnis der Ichbezogenheit in
die Selbstvergessenheit führen. Sie führt aus der Anspannung in die Entspannung. Sie schafft eine Atmosphäre, in der eine Aufmerksamkeitsverschiebung aus einer Fixierung heraus möglich wird. Eine der stärksten
Fixierungen ist die des Ich-Bewusstseins, welche die Person definiert und sie von anderen Personen abgrenzt. Abgrenzung ist hierbei nichts Verwerfliches, sondern lediglich etwas Form-Schaffendes. Sie kann aber auch hier
zur krankhaften Selbstabgrenzung missbraucht werden.
Musik ist Symbol des Universellen. Alles besteht aus Schwingungen. Wir baden in elektromagnetischen und akkustischen Wellen vom Licht angefangen bist
hin zu den Radiowellen unserer Rundfunksender. Das “Einzelne” steht für das “Ganze” (pars pro toto). Jeder Ton enthält in seinen Obertönen die komplette Obertonreihe als eine Art Urmelodie. Die Tonstrukturen folgen den
selben mathematischen Systemen, wie unsere Planetenbahnen und deren Proportionen oder die Quanten der heutigen Teilchenphysik. Jedes musikalische Werk ist eine Manifestation des Potentiellen. Musik ist ein Gleichnis für
die Verkörperung von Raum und Zeit und kann diese gleichzeitig auflösen: ohne unser Gedächtnis könnten wir aus zeitlich aufeinanderfolgenden Tönen keine Melodie erkennen. Musik ist eine Struktur in der Zeit und bedarf
des Raumes. Musik vergegenwärtigt uns also, dass Zeit und Raum Produkte unseres Denkens, unseres neurologischen Systems sind und weist gleichzeitig auf die Möglichkeit des Vergessens hin. Buddhistische Musik nutzt dies,
um durch die Eigenart der Melodieführungen den Wiederekennungswert einer musikalischen Struktur so zu erschweren, damit der Geist im “Jetzt” ankommen kann und sich nicht in Erwartungen des Bekannten und damit
Vergleichbaren verliert.