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Honkyoku spielen - Honkyoku beten Der Ursprung der Shakuhachi Kinko-Schule liegt im Dunkeln. Die
Honkyoku oder auch Meditationsstücke gehen zurück auf die altertümlichen Komuso (wandernde Zen-Mönche der Leere) oder auf einen anonymen Mönch in einem Zen-Tempel, der ungefähr vor vier- oder fünfhundert Jahren sein
Leben in den Klang entleerte. Was als gesichert gilt ist, daß ihr Ursprung in der Tradition der Zen-Praxis begründet ist. Viele von ihnen gehören dem Sondergut bestimmter Tempel in Japan an (Meianji, Fudaiji, Futaiken,
etc.) oder wurden wie z.B. “Murasaki Reibo” von einem Zen-Meister wie Ikkyuu Soujun (1394- 1481) komponiert. Fujita Ginrou bezieht sich in seinem “Shakuhachi Tsuukai” (“Die vollständige Darlegung des
Alle-Dinge-Shakuhachi”) auf sie als verborgenes oder privates Repertoire der Shakuhachi. “Privat” insoweit, als sie den ihnen bestimmten Raum einnehmen. Sie sind Teil der “heiligen” Musik des Zen und also streng
genommen nicht geeignet für öffentliche Aufführungen vor Publikum. Sie kamen ins Leben, bevor die Shakuhachi sich zu einem “Musikinstrument” (Gakki) (*) entwickelte. Sie traten in die Existenz, als die Shakuhachi
wahrhaftig und ausschließlich noch ein Instrument für inneres Wachstum war (hooki).Hört man Rezitationen buddhistischer Sutras z.B. bei einem Begräbnis, so kann man eine enge Verwandschaft zum Klang und
Charakter der Honkyoku der Kinko-Schule wahrnehmen. Es wurde erzählt, das die Honkyoku mit Absichtslosigkeit gespielt werden sollten und daher auch ohne Emotionen. Dies ist natürlich die Beschreibung des
Shakuhachi-Klanges eines realisierten Buddhas, aber Absichtslosigkeit und Emotionslosigkeit können für einen Shakuhachistudenten keine Ziele an sich sein. Wenn Absichtslosigkeit das Ziel ist, dann ist sie per Definition
schon eine Absicht. Shakuhachi ist ein Werkzeug der Zen-Praxis zur Übung der Achtsamkeit und muß aus der Wahrheit heraus gespielt werden, die der Shakuhachi-Spieler in diesem gegenwärtigen Moment ist. Als Studenten der
Shakuhachi und als Studenten des “Weges” besteht die Sehnsucht nach Meisterschaft des Instruments und es sind daher viele Emotionen gegenwärtig: Frustation, Verlangen, Liebe, Freude, Traurigkeit, Ärger, Enttäuschung,
Desillusionierung.......? All dies wird im Honkyoku gegenwärtig sein, wenn man vom Herzen her spielt, selbst ruhend im inneren Chaos und der wirbelnden Gedanken. Mit der Zeit, mit schonungsloser
Aufmerksamkeit und mit tiefem Gefühlskontakt zum Körper und zum Klang, werden sich einige dieser Dinge lösen und irgendwie abfallen. Es ist eine lebenslange Praxis. Achtung auf den Klang und alle in ihm enthaltenen
Qualitäten, auf die körperlichen Erregungen bei der Klangerzeugung und auf die Gedanken, die das Gift offenlegen, welches das Ego aufrechterhält im Blockieren und Verdrehen einer freien Klangentfaltung. Honkyoku ist
ein Dialog zwischen Klang und Stille. In den Klang wird eingetreten, er entwickelt sich, er verändert seine Qualität, wird beendet und schließlich wird, mit ebensoviel Aufmersamkeit, der Eintritt in die Stille gewahrt,
der Atem tritt über die gesamte Körperoberfläche bis tief in den “Hara” ein, dann steigt er langsam auf in die Öffnung der Lunge. Ein unmerkliches Verhalten des Atems und dann der Klang. Eine nahtlose Verbindung, ohne
Unterbrechung. Die Ruhe des Atems hinterläßt die Musik des ungebrochenen Klangs. Die Stille wird Teil des Klanges so wie der Klang zur Stille wird. Nur Worte, wenn es nicht minutiös im Körper erfahren wird. Das ist der
Rhythmus des Honkyoku. Das klassische Honkyoku ist für das Einzelinstrument gedacht, daher erscheinen weder harmonische Strukturen noch lyrisch, melodische Linien. All diese Dinge: Rhythmus, Harmonie und Melodie
zerstreuen den Geist, da sie ihn dazu verführen, vorrauszueilen um das Folgende zu Erahnen, ohne wirklich den augenblicklichen Klang zu erfahren, der “jetzt” geschieht. Der Fokus des Honkyoku ist der totale Klang, der
für eine andauernde Überraschung beim Zuhörer sorgt. Die Länge einer Phrase und ihre tonale Entwicklung können nicht vorrausgeahnt werden. Zusammen mit den reichhaltigen Tönen kann man hoffen, daß der Geist mehr und
mehr überzeugt und verlockt wird, im gegenwärtigen, flüchtigen “Klang-Moment” zu verharren. Auch wenn ein”A” millionenfach bereits gehört wurde, so ist doch dieses “A” in dieser Raum-Zeit niemals zuvor vernommen worden.
Wieviel kann in diesem einen Klang wahrgenommen werden? Ist da nicht eine unendliche Vielfalt von Klängen in einem Klang? Kann es mit den Ohren gehört werden, mit der ganzen Körperoberfläche und den inneren Organen?
Das Experimentieren und Spielen des Honkyoku wird langsam mit der Zeit mehr und mehr im Zwischenraum der Gedanken aus tieferen Körperschichten erfolgen. “Honkyoku” meint ursprünglich “einstimmen” und ebenso “Klang von
der Quelle des Lebens” und allmählich wird dieser Ort in einem selbst gefunden. Dies ist ein sehr langsamer Prozess, der sich über jahrelange Übungspraxis hinweg verwirklicht: tiefer in den Körper fühlen, den Geist
beobachten, und langsam und mit Geduld müde werden ob seiner trügerischen, selbst definierten Absonderungen (Anhaftung an Gedanken) ... ein langsames Auslöschen der Möglichkeit eines nur gelegentlichen,
absoluten Klanges, reiner Klang, nur dies: den Klang hören im Zwischenraum der Gedanken, “unermeßliche Wohltat” dieser freie Raum, in dem sich Musik erhebt. Was sonst erhebt sich? Diese Art des Spielens ist kein
Versuch, in irgend einer Art zu spielen oder zu sein, ist kein Versuch von hier nach da zu gelangen, aber sie ist ein Einsinken in die wirkliche Empfindung, jetzt. Ein verrückter (aus Sicht des kleinen Verstandes) sehr
indirekt wirkender Weg, der in Wirklichkeit ein schneller, direkter Weg ist. Was verhindert meinen Klang und meine Aufmerksamkeit? Der beengte, begrenzte Körper erlaubt keinen freien Klang und diese Einengung
geschieht durch das Denken. DIe Gedanken zu vertreiben, verhärtet die Anspannung und der Krieg ist erklärt. Anstelle sie vertreiben zu wollen, schauen sie sie an, besonders diejenigen, die sich wiederholen und
laut hervortreten im Angesicht von Frustation. Diese Art von Gedanken tun dies ständig auch bei anderen Lebensaspekten, nicht nur beim Shakuhachi lernen. Langsam erkennen, klar erkennen; die Gedanken “sein”
lassen; einsinken in die Verspanntheit des Körpers; anwesend sein; der Klang geht tiefer und tiefer, wird mehr und mehr wirklich. Die Hindernisse brechen weg mit der Zeit, oder wenn nicht, so hören sie doch auf, als
solche zu erscheinen, und offenbaren, was immer ist....Vibrieren, Bewegung, “Selbst”-Klang, der jedes Herz in seiner Reichweite zum Mitschwingen und Erwachen anregt. Es genügt nicht zu üben, die Technik oder die
Musiktheorie zu beherrschen oder die musikalische Sensibilität zu entwickeln. Das innere Selbst will entdeckt sein und diese mühsame und gefahrvolle Reise will umarmt sein bei einer ernsthaften, schonungslosen Art
des Absinkens in Terror und Wiederstand. Dann wird sich die Möglichkeit wahren Shakuhachispiels, wahren Honkyokus selbst erweisen. Honkyoku sollte vor einem Publikum gespielt werden, das wenigstens ein wenig darauf
vorbereitet ist, nicht unterhalten oder entzückt zu werden, sondern das sich einläßt, das eigene innere Selbst auf eine andere Art und Weise zu ergründen. Der Fokus liegt nicht auf dem Spieler und sicher auch
nicht auf der Präsentation seiner Fähigkeiten oder der Shakuhachi selber, sondern vielmehr darauf, die innere Entdeckungsreise des Zuhörers zu seinem Selbst zu lenken, wie der Klang die Haut durchdringt, den Geist, das
Herz, das innere Heiligtum. Der Klang der Shakuhachi bei Kinko Honkyoku ist sehr kraftvoll und sollte nicht geschwächt werden durch kritiklosen Gebrauch, ohne angemessener Wahrnehmung der örtlichen Gegebenheiten und
der Befindlichkeit der Anwesenden. Es ist nicht erforderlich, diese Tradition durch Nicht-Japaner bewahren zu wollen. Es gibt keine Verpflichtung dazu, aber wenn es nicht geschieht, welch eine verpasste Gelegenheit
für einen selbst und für die, die zuhören. Die Tradition geht verloren, wenn die Shakuhachi als “eine weitere Sache” studiert wird, ein weiterer Ego-Trip, und nicht als “Chikudo” (Bambus-Weg), wo sie eine große
Hilfe werden kann, das Leiden im und am eigenen Leben hinter sich zu lassen, um das Herz zu öffnen und ein erfüllteres Leben zu leben aus einer tiefen Innerlichkeit des Seins. (*) Dies geschah während der Meiji
Retauration vor etwa 150 Jahren, als man die Shakuhachi erstmals aus zwei Teilen konstruierte, um sie für das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten hinsichtlich der Intonation tauglich zu machen. Davor genügte es, daß
sie in sich gestimmt war. Zu dieser Zeit wurde das Element “Unterhaltung” ein Teil der Shakuhachi-Musik wie z.B. als Minyo (Folksmusik), Shinkyoku (neue, moderne Musik) und Sankyoku (Kammermusik mit drei Instrumenten:
Koto, Shamisen und Shakuhachi). |